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Wie sich Stalking-Opfer schützen können

Auflauern vor der Wohnung, andauernde Anrufe, Übergriffe: Stalking belastet die Opfer erheblich. Was schreckt Täter ab? Und wann wird es Zeit für eine Anzeige?
von Juliane Gutmann & Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 23.08.2016

Bedrohlich: Stalking-Opfer fühlen sich im eigenen Zuhause nicht mehr sicher

Strandperle/AGE/Mihaela Ninic

Der Verehrer steht regelmäßig vor dem Fenster und spielt seiner Angebeteten ein Lied auf der Geige: In Filmen und Büchern wirkt das romantisch. Stellen wir uns die Situation im echten Leben vor, wirkt sie eher angsteinflößend. Kavaliersdelikte und Stalking unterscheiden sich jedoch grundlegend.

Wo sich die Angebetete im Film vom Lied des Bewunderers geschmeichelt fühlt, belastet Stalking die Betroffenen: Die Täter lauern zum Beispiel vor der Wohnung oder am Arbeitsplatz auf, rufen an, schreiben Nachrichten. Die Folge: Betroffene haben Angst davor, vor die Türe zu gehen und fühlen sich bedroht. Manche Stalking-Opfer ändern ihr Freizeitverhalten komplett. "Ihr Leben wird so massiv eingeschränkt", sagt Erika Schindecker, die 2005 den Verein Deutsche Stalking-Opferhilfe (DSOH) gegründet und lange geleitet hat. 2014 wurden der DSOH und einige andere Opfervereine aufgelöst, weil öffentliche Gelder ausblieben. Seitdem setzt sich Schindecker dafür ein, dass die Regierung weitere Hilfsangebote fördert und Schutzlücken im Strafgesetzbuch geschlossen werden.

Promis und Otto Normalverbraucher

Wer denkt, nur Stars und Sternchen seien gefährdet, irrt sich. "Fast zwölf Prozent aller Deutschen werden im Laufe ihres Lebens einmal gestalkt", weiß Diplom-Psychologin Felicitas Michaelis von der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung: Betroffen sind vor allem Frauen: Über 80 Prozent der Opfer seien weiblich. Bei den Tätern handelt es sich meistens um Männer: In rund 85 Prozent der Fälle ist der Stalker männlich. Unbekannt sind sich Opfer und Täter dabei selten. Nur rund neun Prozent der Opfer wird von Fremden nachgestellt.

Zurückweisung, Rachsucht, Liebeswahn

Was bringt einen Menschen dazu, einem anderen nachzustellen? Oft handelt es sich um Beziehungstaten durch Expartner. Zurückweisung ist dabei der häufigste Grund. Rund 50 Prozent der Täter fallen in die Kategorie "zurückgewiesene Stalker": Der Ex-Partner oder eine ehemalige Affäre können die Trennung nicht verarbeiten und wollen die Beziehung wieder herstellen. "Die emotionale Fixierung des Stalkers kann liebevoll, aber auch aggressiv sein", weiß Michaelis: "Letztere geht mit Wut und Hass einher". In dem Fall sprechen Experten vom Tätertyp "wütender Stalker". Er will sich an seinem Opfer rächen, ihm Angst machen. Körperliche wie auch sexuelle Übergriffe sind dann möglich. Er wünscht sich Vergeltung, glaubt, sein Opfer habe ihm Unrecht zugefügt.

Neben dem wütenden und zurückgewiesenen Stalker zählen Wissenschaftler den "Intimität begehrenden Stalker" zu den am weitesten verbreiteten Tätertypen. Er will eine Beziehung mit einer meist unerreichbaren Person, von der er denkt, dass sie ihn auch liebt. Bei dieser Gruppe diagnostizieren Psychologen teilweise eine Erotomanie: einen Liebeswahn.

Egal, welche Motivation Stalker haben: "Es geht allen um Kontrolle und Macht über ihr Opfer", weiß Michaelis. Sie seien überzeugt davon, dass ihr Verhalten angemessen und rechtens ist. Häufig steht dahinter die Überzeugung, dass eine Beziehung vom Opfer erwünscht ist.

Wie können sich Opfer schützen?

Vermutet man einen Stalker, sollte man ihm einmal unmissverständlich klarmachen, dass man keinen Kontakt will. "Stalker wollen Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit", so Psychologin Michaelis. Betroffene sollten den Stalker deshalb komplett ignorieren, falls er weiter den Kontakt sucht. Das heißt: keine Treffen, keine Gespräche, keine Telefonate. Die dadurch gewonnene Aufmerksamkeit verstärkt den Stalker nur in seinem Verhalten. Sehr wichtig ist es außerdem, Familie, Freunde, Arbeitskollegen und Nachbarn zu informieren. "Geschaffene Öffentlichkeit schreckt Täter ab und kann vor Übergriffen schützen", so Michaelis.

"Da Stalker aggressiv sein können, sollten Betroffene die Situation nicht unterschätzen und sich frühzeitig Hilfe holen", so Felicitas Michaelis. Dazu können sie - je nach persönlichem Unterstützungsbedarf – den Weissen Ring (kostenlose Rufnummer: 116 006), Psychotherapeuten, Ärzte und auch Anwaltskanzleien kontaktieren. Beim Anwalt, Arzt oder Psychotherapeuten sind vorher gegebenenfalls die entstehenden Kosten zu klären. Rechtsanwälte fordern den Stalker postalisch auf, sich fern zu halten. "Viele Täter schreckt ein solcher Brief bereits ab", sagt Michaelis.

Ab wann man Anzeige erstatten sollte

Reißt das Nachstellen nicht ab, sollten Betroffene Anzeige erstatten. Im Notfall sofort die Polizei unter der Rufnummer 110 verständigen, zum Beispiel, wenn der Stalker in die Wohnung eindringt. "Betroffene sollten in einem Tagebuch alles dokumentieren: Uhrzeit, Datum und Aktivität des Stalkers", sagt Schindecker. Die Dokumentation sei wichtig für die mögliche Strafanzeige. Seit 2007 ist Stalking in Deutschland strafbar.

Bisher werden Stalker allerdings erst juristisch belangt, wenn sie den Alltag des Opfers bereits schwer einschränken. Dazu gehört zum Beispiel, dass der Gestalkte deshalb umzieht oder seinen Arbeitsplatz wechselt. Das soll sich nach einem Gesetzentwurf von Bundesjustizminister Heiko Maas ändern, der auf den Vorschlägen von Bayerns Justizminister Winfried Bausback basiert und voraussichtlich noch 2016 vom Bundestag beschlossen wird: Dann sind die Nachstellungen bereits strafbar, wenn sie "geeignet sind", die Lebensgestaltung des Opfers schwerwiegend zu beeinträchtigen – selbst, wenn der Gestalkte dem Druck nicht nachgibt. Außerdem sollen nach dem Gesetzentwurf die Opfer nicht mehr privat klagen müssen, sondern die Täter strafrechtlich verfolgt werden.

Strafbar machen sich Stalker natürlich auch, wenn sie andere Straftaten verüben, weil sie beispielsweise das Opfer beleidigen oder Hausfriedensbruch begehen.

Belastung für Opfer – und Täter

Die Aufnahme im deutschen Strafgesetzbuch war dringend nötig: Die seelische und körperliche Belastung durch Stalking kann folgenschwer sein. Viele Opfer ziehen sich zurück, leiden an Depressionen, Unruhe und Schlafstörungen. Stalking kann sogar eine posttraumatische Belastungsstörung zur Folge haben. Die Täter werden darüber oft vergessen: "Es kommt vor, dass sich Stalker im Verein melden, die ihr Verhalten als krankhaft empfinden und Hilfe suchen. Wir als Opferverein können in solchen Fällen aber nicht viel tun", sagt Erika Schindecker: "Meiner Meinung nach gibt es zu wenige Anlaufstellen für Täter". Eine der wenigen Beratungsstellen in Deutschland ist "Stop-Stalking", die sich auf die Beratung von Stalkern spezialisiert hat (Rufnummer 030/221922000).



Bildnachweis: Strandperle/AGE/Mihaela Ninic

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